Yogi Bhajan: Leben, Lehre und Vorwürfe
Ohne Yogi Bhajan gäbe es das Kundalini Yoga, das heute in Studios unterrichtet wird, in dieser Form nicht. Er hat die Übungsreihen gelehrt, die Organisation aufgebaut und die Lehrerausbildung geprägt. Zugleich ist er eine der umstrittensten Figuren der westlichen Yogageschichte. Dieser Beitrag stellt beides nebeneinander.

Herkunft
Yogi Bhajan wurde am 26. August 1929 als Harbhajan Singh Puri in Kot Harkarn im Punjab geboren, das damals zu Britisch-Indien gehörte. Er wuchs in einer Sikh-Familie auf. Nach eigener Darstellung lernte er schon als Jugendlicher Yoga bei verschiedenen Lehrern. Viele Details seiner frühen Biografie stammen allerdings aus seinen eigenen Erzählungen und lassen sich nicht unabhängig überprüfen. Historiker wie Philip Deslippe haben einige dieser Angaben kritisch untersucht.
Der Weg nach Nordamerika
1968 ging er zunächst nach Toronto und kurz darauf nach Los Angeles. Dort traf er auf eine Generation junger Menschen, die nach Alternativen zu Drogen, Konsum und Konvention suchten. Seine Stunden waren körperlich intensiv, laut und gemeinschaftlich – und sie versprachen ein Hochgefühl ohne Rauschmittel.
1969 gründete er die Organisation 3HO, die „Healthy, Happy, Holy Organization“. 1976 wurde er US-Bürger. In den folgenden Jahrzehnten entstanden Yogazentren, Sommer- und Wintercamps, eine Lehrerausbildung und mehrere Unternehmen, darunter die 1984 gegründete Marke Yogi Tea. Viele seiner Schülerinnen und Schüler traten auch der Sikh-Religion bei, trugen Turban und weiße Kleidung und nahmen Sikh-Namen an.
Was er gelehrt hat
Yogi Bhajan hielt über Jahrzehnte Tausende von Kursen. Aus Mitschriften entstanden Handbücher mit Kriyas und Meditationen, die bis heute genutzt werden. Dazu kamen Lehren über Ernährung, Beziehungen, die zehn Körper und die morgendliche Sadhana. Auch die Heilmeditation Sat Nam Rasayan geht auf seinen Unterricht zurück.
Er starb am 6. Oktober 2004 in Española im US-Bundesstaat New Mexico.
Die Vorwürfe
Schon zu Lebzeiten gab es Klagen und Berichte ehemaliger Anhängerinnen, doch sie erreichten die breite Szene kaum. Das änderte sich 2019 mit den Memoiren Premka: White Bird in a Golden Cage von Pamela Saharah Dyson, die jahrelang zu seinem engsten Umfeld gehört hatte.
Im März 2020 beauftragten die Organisationen die unabhängige Firma An Olive Branch mit einer Untersuchung. Der im August 2020 veröffentlichte Bericht hielt es für wahrscheinlicher als nicht, dass Yogi Bhajan drei Frauen vergewaltigt, acht Menschen beim Sex verletzt und neun Menschen gegen ihren Willen berührt habe. Außerdem habe er verschiedene Methoden eingesetzt, um seine Schülerschaft zu kontrollieren.
Wie man heute damit umgehen kann
Die Szene ist gespalten. Für manche ist die Methode untrennbar mit ihrem Gründer verbunden und damit belastet. Andere unterscheiden zwischen den Übungen, die ihnen helfen, und dem Menschen, der sie verbreitet hat. Beide Haltungen sind nachvollziehbar. Wichtig ist, dass die Geschichte nicht verschwiegen wird – auch nicht in Stunden, die „nur“ Atem und Bewegung anbieten.
Mehr über die Entwicklung seit 2020 und darüber, woran du einen verantwortungsvollen Unterricht erkennst, steht im Beitrag Kundalini Yoga heute. Weiterführende Quellen, darunter Dysons Buch und die englische Wikipedia-Seite zu Yogi Bhajan, findest du in der Literaturliste.