Kundalini Yoga heute: zwischen Praxis und Aufarbeitung
Kundalini Yoga ist heute in fast jeder Großstadt zu finden, auch in Berlin. Gleichzeitig steckt die Szene seit einigen Jahren in einer tiefgreifenden Auseinandersetzung mit ihrem Gründer. Wer einsteigt, sollte beides kennen: warum die Praxis so viele Menschen anspricht und warum sie ohne kritische Einordnung nicht mehr zu haben ist.
Von Los Angeles in die Welt
Die Geschichte des heutigen Kundalini Yoga beginnt Ende der 1960er-Jahre. Harbhajan Singh Puri, später als Yogi Bhajan bekannt, kam 1968 aus Indien über Toronto nach Los Angeles. Dort unterrichtete er junge Menschen aus der Hippie-Bewegung, von denen viele mit Drogen experimentiert hatten. Sein Angebot war, sinngemäß, ein natürliches Hochgefühl durch Atem, Bewegung und Klang.
1969 gründete er die Organisation 3HO – kurz für „Healthy, Happy, Holy Organization“. Aus den ersten Gruppen wurde ein internationales Netz aus Yogazentren, Lehrerausbildungen, Sommerfestivals und Unternehmen. Die Marke Yogi Tea etwa entstand 1984 in diesem Umfeld.
Wie Kundalini Yoga nach Europa kam
In den 1970er- und 80er-Jahren entstanden auch in Europa Zentren und Vereine. In Deutschland organisierten sich Lehrende regional, in Berlin gab es schon früh eine eigene Arbeitsgruppe. Anfang der 2000er-Jahre war von rund 50 Lehrerinnen und Lehrern die Rede, die in der Stadt über 100 Kurse pro Woche anboten. Heute ist die Szene vielfältiger: Studios, freie Lehrkräfte, Online-Kurse und Angebote, die Kundalini-Elemente mit anderen Stilen mischen.
Der Einschnitt 2019/2020
2019 veröffentlichte Pamela Saharah Dyson, die viele Jahre als enge Mitarbeiterin von Yogi Bhajan gelebt hatte, ihre Memoiren Premka: White Bird in a Golden Cage. Darin beschreibt sie Missbrauch und Manipulation. Weitere Frauen meldeten sich mit ähnlichen Schilderungen.
Daraufhin gab die Organisation im März 2020 eine unabhängige Untersuchung bei der Firma An Olive Branch in Auftrag. Der Bericht vom August 2020 kam zu dem Schluss, es sei „wahrscheinlicher als nicht“, dass Yogi Bhajan mehrere Frauen sexuell missbraucht, andere verletzt und seine Schülerschaft mit verschiedenen Mitteln kontrolliert habe. Das Wort „sinngemäß“ gilt hier ausdrücklich: Die Formulierung „more likely than not“ bezeichnet einen Beweismaßstab, kein Gerichtsurteil. Yogi Bhajan war bereits 2004 gestorben.
Wie die Szene reagiert hat
Die Reaktionen gehen weit auseinander. Manche Lehrende haben den Namen Yogi Bhajan aus ihrem Unterricht gestrichen, Zitate von ihm nicht mehr verwendet oder ihre Angebote umbenannt. Andere halten an den Übungen fest, trennen aber zwischen der Methode und der Person. Einige haben sich ganz vom Kundalini Yoga abgewandt. Auch Ausbildungsschulen und Verbände haben Strukturen, Namen und Lehrmaterialien überprüft – mit unterschiedlicher Konsequenz.
Für Übende heißt das: Es gibt nicht mehr „das“ Kundalini Yoga. Frag in einem Studio ruhig nach, wie es mit der Geschichte umgeht. Eine offene Antwort ist ein gutes Zeichen.
Was trotzdem trägt
Unabhängig von der Person hat sich eine Praxis erhalten, die viele Menschen als hilfreich erleben: klare Übungsreihen, bewusster Atem, gemeinsames Singen und lange Entspannung. Diese Elemente sind nicht an einen Gründer gebunden, und viele von ihnen gibt es in ähnlicher Form auch in anderen Traditionen. Einen neutralen Überblick über die Bausteine findest du im Leitfaden für den Einstieg.
Worauf du achten kannst
- Keine Heilsversprechen – seriöse Lehrkräfte versprechen keine Heilung und keine Erleuchtung auf Knopfdruck.
- Freiwilligkeit – du entscheidest über Kleidung, Ernährung und Lebensstil selbst.
- Grenzen – niemand sollte dich zu Übungen drängen, die dir nicht guttun, oder dich körperlich korrigieren, ohne zu fragen.
- Transparenz – Kosten, Qualifikation und Umgang mit der Geschichte werden offen benannt.
Wer eine Ausbildung erwägt, sollte diese Punkte besonders ernst nehmen. Und wer sich tiefer einlesen möchte, findet Bücher und Quellen in der Literaturliste.