Mantras im Kundalini Yoga
Wer zum ersten Mal eine Kundalini-Stunde besucht, ist oft überrascht, wie viel gesungen wird. Schon zu Beginn stimmt die Gruppe gemeinsam ein Mantra an, und am Ende verabschiedet man sich mit „Sat Nam“. Mantras sind im Kundalini Yoga kein Beiwerk, sondern ein eigenes Werkzeug neben Atem und Bewegung.
Was ein Mantra ist
Das Wort Mantra wird oft als „Werkzeug des Geistes“ übersetzt. Gemeint ist eine Silbe, ein Wort oder eine Formel, die wiederholt wird – laut, geflüstert oder in Gedanken. Im Kundalini Yoga stammen die meisten Mantras aus dem Gurmukhi, der Schrift und Sprache der heiligen Texte der Sikhs. Einige sind Zeilen aus dem Guru Granth Sahib oder aus dem Morgengebet Japji Sahib. Das erklärt, warum Kundalini Yoga für viele Menschen nach Sikh-Tradition klingt, auch wenn es selbst keine Religion ist.
Sat Nam
„Sat Nam“ ist das bekannteste Mantra und zugleich Gruß, Dank und Abschied. Sat bedeutet „Wahrheit“, Nam „Name“ oder „Identität“. Sinngemäß übersetzt man es mit „Wahrheit ist mein Name“ oder „meine wahre Identität“. Beim Singen wird „Sat“ kurz und betont gesprochen, „Nam“ lang und ausklingend. In vielen Kriyas ist das Mantra direkt mit einer Bewegung verbunden, etwa dem Einziehen des Nabels bei Sat Kriya.
Das Adi Mantra zum Einstimmen
Jede Stunde beginnt mit „Ong Namo Guru Dev Namo“, dreimal gesungen, die Hände in Gebetshaltung vor der Brust. Frei übersetzt: „Ich verneige mich vor der schöpferischen Weisheit, ich verneige mich vor dem göttlichen Lehrer in mir.“ Das Mantra markiert den Übergang vom Alltag in die Praxis. Viele Lehrkräfte ergänzen es durch das kurze „Mangala Charan Mantra“ zum Schutz.
Sa Ta Na Ma
Das Mantra „Sa Ta Na Ma“ gilt als Grundmantra für Meditationen. Die vier Silben stehen sinngemäß für Anfang, Leben, Tod und Neubeginn – einen Kreislauf. In der bekannten Kirtan Kriya berührt bei jeder Silbe ein anderer Finger den Daumen. Dazu singst du die Silben zuerst laut, dann flüsternd, dann innerlich, und wieder zurück. Mehr dazu im Beitrag über Kundalini-Meditation.
Drei Arten zu chanten
| Form | Wie | Wirkung im Erleben |
|---|---|---|
| Laut | mit voller Stimme | aktivierend, verbindend in der Gruppe |
| Flüsternd | stimmlos, aber hörbar | sammelnd, nach innen gerichtet |
| Innerlich | nur in Gedanken | still, fokussierend |
Viele Übende merken schnell, dass lautes Singen hilft, abschweifende Gedanken zu stoppen. Es ist schwer, gleichzeitig zu singen und über die Einkaufsliste nachzudenken.
Warum Klang wirkt
Die yogische Erklärung spricht von Schwingung und von 84 Meridianpunkten am Gaumen, die die Zunge beim Sprechen berühre. Das ist eine Lehrerzählung ohne anatomischen Nachweis. Nüchterner betrachtet verlängert Singen die Ausatmung, verlangsamt den Atem und lenkt die Aufmerksamkeit auf einen Rhythmus. Hinzu kommt der soziale Effekt des gemeinsamen Singens, der gut belegt ist.
Das Lied am Ende
Die Zeilen „May the long time sun shine upon you“, mit denen viele Stunden enden, sind übrigens kein altes indisches Mantra. Sie stammen aus einem Lied der schottischen Folkband The Incredible String Band aus dem Jahr 1968 und wurden in der Frühzeit der Bewegung übernommen. Ein schönes Beispiel dafür, wie viel Kundalini Yoga der Gegenkultur der späten 60er-Jahre verdankt.
Die längste gemeinsame Mantra-Praxis im Kundalini Yoga ist die morgendliche Sadhana mit sieben Mantras in 62 Minuten.